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Bilder, Arbeiten auf Papier 1980 – 2008
Chamaeleon Verlag, Basel 2008
ISBN 978-3-95231175-6-3
Maya Stange ist eine Radikalistin der stillen Art. Sie geht keine Kompromisse ein, weder mit sich selbst noch mit gängigen Kunstmoden. Sie folgt einem inneren Bedürfnis, so und nicht anders zu arbeiten, und sie sucht – wie sie es nennt – einen «Weg zur Geordnetheit». Maya Stange bringt keine Schweizerische Variante der Minimal Art, trotz der strengen Reduktion der formalen Mittel und Kargheit in der äusseren Stofflichkeit. Sie zeigt, wie man mit konstruktiven Konzepten heute umgehen kann. Aber wie immer, wenn uns eine elementare Bildsprache in den Bann zieht, ist die Simplizität eine scheinbare und fasst Gedanken und Gefühle zu wirkungsvoller Wandlungsfähigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass sie sich mit fernöstlichen Philosophien befasst hat. Zögernd nur ringt sie sich Kommentare zur eigenen Person und zu ihrer Schaffensweise ab. Aber in diesem Punkt stimmt sie zu, befragt in der puristischen Stille ihres Basler Ateliers. Also darf man annehmen, dass sich die Aequivalenz männlicher und weiblicher schöpferischer Kräfte in den Lineaturen ihrer Kompositionen sinnbildhaft spiegelt. Ein solcher Symbolwert darf als eine der Traditionen westeuropäischer konstruktiver Kunst gelten.
Maya Stange arbeitet ausschliesslich mit gleichen, quadratischen Papierformaten. Ihr Kolorit hält sich im Hell-Dunkel-Bereich von Schwarz, Weiss und Grau. Sie hat auch mit Farbe experimentiert, aber erkannt, wo ihre Stärke liegt. Kompositioneller Ausgangspunkt sind die Gerade und die Diagonale; Bleistift, Tempera und Tusche genügen, um die im Geiste vorauseilenden Ideen bildnerisch festzuhalten. Vor dem inneren Auge der Künstlerin verbinden acht imaginäre Punkte das Gewebe ihrer Bildfelder. Diese wickeln sich als thematische Veränderungen eines Grundgedankens ab, eine um die andere. Die Lösungen, die sie für gut befindet, behält sie, und so entstehen um jeden Lösungskern Gruppen miteinander verwandter Blätter. Auf den ersten Blick erkennt man, dass der über die weisse Fläche gleitende Stift (oder Pinsel) für Maya Stange auch medialen Charakter hat. Sie schreibt ihre Lebenserfahrungen, die positiven und negativen, in das Netz ihrer «Überkreuzungen» ein. Ihr Umgang mit den Mitteln der Bildgestaltung, den sie konsequent seit den 80er Jahren weiterführt, erinnert an künsterlische Exer- zitien innerer Konzentration, eine selbst erkorene Entäusserung von visu- ellem Ballast. Schliesslich zählt in der Kunst nur das Ergebnis: ihre Blätter strahlen eine unsentimentale und sensible Richtigkeit aus.
Margit Weinberg Staber
Oktober 1993
«Possibility Studies»:
Ein Quadrat ist ein Quadrat ist ein Quadrat?
Systematik, Klarheit und Reduktion: dies sind Begriffe, mit denen das Werk von Maya Stange immer wieder beschrieben worden ist. Dem gegenüber steht das Phänomen der Verblüffung über die Vielfalt der Möglichkeiten innerhalb dieser Grenzpunkte, die sich bei analytischer Betrachtung der Arbei- ten und im Gespräch mit der Künstlerin offenbaren.
Die formalen und technischen Mittel sind bekanntlich tatsächlich – durch bewussten Entscheid – stark eingeschränkt: Tempera, Tusche, Graphit trägt Maya Stange seit Beginn ihrer frei künstlerischen Tätigkeit als Malerin auf fast ausschliesslich demselben, quadratischen Blattformat von 64 x 64 cm auf. Hinzu kommt des Weiteren die Reduktion auf die Farbpalette von schwarz, weiss, grau. Anfangs hat sie noch mit kleinteiligen, farbigen Gitterrastern experimentiert. Bei einigen Blättern, die auf dem Hintergrund eines Aufenthalts in New York entstanden, wurde das visuelle Erscheinungsbild der Glasfassaden in dieses abstrahierende Liniengefüge überführt, womit eine Brücke zwischen gegenstandsloser Gestaltung und unserer alltäglchen Umgebung geschlagen wurde. Doch sind diese äusseren Einflüsse nie Hauptanliegen sondern lediglich Ausgangspunkt für eine Versenkung in die Möglichkeiten, welche die quadratische Grundform bietet. Seit ca. Mitte der 80er Jahre steht hinter allen Kompositionen der Künstlerin ein Raster, das sich ergibt, wenn man das Quadrat mittels der zwei Diagonalen sowie der Waagrechten und der Senkrechten durch seinen Mittelpunkt schneidet. So entsteht ein sternähnliches Zeichen, das laut einer beiläufigen Bemerkung von Maya Stange in direktem Zusammenhang steht mit dem I-Ging, dem altchinesischen Weisheitsbuch. Alle Linien und Formen, welche im fertigen Bild gesetzt sind, sind in irgendeiner Weise durch dieses Raster definiert, sei dieses nun grossformatig über die ganze Bildfläche verteilt oder die Bild- fläche selbst in kleinere Quadrate gegliedert. Auf eine zu starke Koppelung der fernöstlichen Philosophie mit ihrer Schaffensweise lässt sich die Künst- lerin aber auch heute nicht ein, im Gespräch wird dieses Thema zur Nebensache und rasch abgeschlossen, um zum Wesentlichen zurückzukommen: den Arbeiten selber. Dennoch entspringt die fast exzessive Beschäftigung mit den Möglichkeiten des Quadrats – «Possibility Studies», wie es Maya Stange nennt – und die selbst gewählte Begrenzung der Bildmittel eindeutig einer Art philosophischem oder zumindest geistig mentalem Ansatz, der dem asiatischen Gedankengut in gewisser Weise nahe zu stehen scheint. Die Frage nach dem Grund der strengen Reduktion erübrigt sich beim Betrachten der Werke und im Gespräch mit Maya Stange sehr rasch: Einschränkung ist Herausforderung, viel mehr als das Grenzenlose ist sie Ansporn zum Ausloten der Möglichkeiten. Das Potential, das in der Reduktion steckt, wird nur schon in den 50 hier vorliegenden Arbeiten ersichtlich, zum Beispiel, wenn sich eine ganze Serie von Blättern um einen ähnlichen Bildansatz dreht, und dabei jedes eine ganz eigene Lösung hervorbringt. Dieser Ansatz kann, ähnlich wie bei Verena Loewensberg, wenn auch nicht ganz so strikte, auf einem vorgängig in Gedanken festgelegten System beruhen, wie zum Beispiel bei Blatt Nr. 1: Ein weisses Quadrat mit schwarzer Ecke, wird in der ersten Zeile, gelesen von links nach rechts, im Gegenuhrzeigersinn um je 90 Grad gedreht. Jeweils als Ruhepol dazwischen geschoben ist ein durchweg schwarzes Quadrat. In der zweiten Zeile wechselt sich ein horizontal in eine schwarze und eine weisse Hälfte geteiltes Quadrätchen mit einem schwarzen Quadrat ab und wird wiederum gedreht. Auch die folgenden Zeilen kommen mit nur diesen vier Formelementen aus, werden nach Maya Stanges eigener Logik abwechselnd in neue Reihenfolgen gesetzt und gedreht. Nochmals neu erprobt wird derselbe Ansatz in Blatt Nr. 2. Der Blick auf das jeweils ganze Bild verrät zunächst nichts von diesem kleinteilig konzentrierten, geregelten Vorgehen, sondern weckt Assoziationen an frühe Computergrafiken, Labyrinthe und Mosaiken, oder auch an François Morellets «40’000 Quadrate» (1963). Noch verblüffender ist das visuelle Erlebnis bei Blatt Nr. 21, wo eine viel weniger komplexe, ebenfalls vorgängig festgelegte Formenabfolge zu dreidimensionaler Wirkung erwächst und ein scheinbares Spiel von Licht und Schatten entsteht. Immer wieder tauchen in Maya Stanges Gesamtwerk solche seriell exemplifizierten Bildlösungen auf. Eine andere Reihe der 50 hier gezeigten Werke befasst sich mit dem über Eck gestellten Quadrat im schwarzen Quadrat und dessen rasterartigen Auflösung oder Neuformulierung. Wieder in einer anderen Folge beschneidet sie das schwarze Grundquadrat vom Rand her, was im ersten Moment den Eindruck einer Rotation, einer Verrückung der Form aus den gesetzten Bildgrenzen hinaus evoziert. Ein weiterer Ansatz ist das Durchkreuzen der schwarzen, quadratischen Grundfläche mit balkenartigen, weissen Elementen, oder das Ausschneiden von abstrakten, weissen Formgebilden aus dem schwarzen Quadrat, was zur Reflexion über Positiv- und Negativform anregt.
All die kompositorischen Setzungen, die wie gesagt stets auf jener achtteiligen Linienstruktur beruhen, treten allerdings erst bei näherer Betrachtung und Kontemplation ins Bewusstsein; auf den ersten Blick ist es die Klarheit der geometrischen Formerscheinungen im Bild, die anziehend wirkt, oder aber die Faszination der optischen Verzerrung und Täuschung, die zuweilen in Erscheinung treten. Wenn man dann auf den zweiten Blick das dahinter stehende Liniengerüst, das Ordnungsschema versucht aufzuspüren und dieses auch entdeckt, mischt sich kindlicher Entdeckerstolz mit dem Erstaunen über den Zusammenhang von systematischem Gestaltungsansatz und visuell wirkungsvoller Ästhetik. Die mögliche Vielfalt, ja Uferlosigkeit innerhalb der Begrenzung wird allmählich bewusst.
Auch wenn man nun schon längst im Banne der Stangeschen Bildsprache steht, drängt sich dennoch eine weitere Frage auf: Warum stets nur schwarz, kommt da keine Langeweile auf? Verbirgt sich gar eine düster melancholische Aussage dahinter? Mitnichten! Wenige Arbeiten experimentieren mit einer «marginalen Farbeinwirkung», bei der es die Künstlerin aber absolut belassen möchte. Entgegen der abendländischen Konnotation von Schwarz mit Trauer und Tod, schätzt Maya Stange die Klarheit und Ruhe, das Wertfreie dieser Nicht-Farbe. «Das Schwarz konzentriert und zentriert», eine Aussage, die wiederum an die Beschäftigung der Künstlerin mit den fernöstlichen Philosophien denken lässt. Sie verspüre das Bedürfnis, dem «visuellen Lärm» unserer Zeit etwas entgegenzusetzen, oder wie sie es schon früher formuliert hat, den «Weg zur Geordnetheit» einzuschlagen.
Vielleicht auch deshalb versucht die Künstlerin jeglichen handschriftlichen Charakter in ihrem Zeichen- oder Pinselstrich zu eliminieren, die geometrische Klarheit der Formen vor jeglicher menschlichen Einwirkung und den emotionalen Wirrnissen der Zeit sprechen zu lassen. Dennoch hat Maya Stange auf ihrem künstlerisch konsequenten – und wie aus dem Gespräch mit ihr unüberhörbar hervortritt – leidenschaftlich zielstrebigen Weg unweigerlich ihre ganz eigene Sprache innerhalb der konkreten Kunst herausgebildet.
Deborah Keller
Volontariat kuratorische Assistentin, Haus Konstruktiv Zürich, Mai 2008